Vorwort Dr. Wilms-Adrian über Thomas Graics, Liedberg im April 2001 Unsere Betrachtung der Dinge ist immer vom Standpunkt abhängig, und so urteilen wir verschieden, ob wir mittendrin stecken oder eine gewisse Distanz wahren – rein praktisch, abhängig von der Lokalität, und im übertragenen Sinne. Wahrscheinlich ist Ihnen bei dieser Ausstellung schon aufgefallen, dass sie in viele Landschaften nicht quasi hinein spazieren können, sondern meistens einen erhöhten Standpunkt haben. Der Maler Thomas Graics hat sein wesentliches Sujet im Luftbild entdeckt. Als Besitzer eines Flugscheins und einer Cesssna ist ihm der Blick von oben bestens vertraut. Größtenteils entlehnt er seine Vorlageneigenen Fotos. Das imposante Bergmassiv der Einladung porträtiert eine Ansicht von Island, doch vorwiegend konzentriert sich Graics auf sein Umfeld. Dabei sucht er nicht die idyllischen Ausschnitte am Rande, sondern zeigt eine Landschaft, von der die Industrie starken Besitz ergriffen hat und in der die Natur zum großen Teil von Menschenhand beeinflusst ist. Der Maler betrachte die Landschaft relativ objektiv, richtet sein Augenmerk z.B.: auf Industrieanlagen mit ihren Grauwerten, Äcker und weiter gefasste Panoramen. Ihn reizt das diesige Licht des Niederrheins und so fängt er mit Grau, Grün, Siena und Erdtönen realistisch dessen Farben ein. Die in den neueren Bildern vorherrschende Farbgebung hat nicht immer seine Gemälde bestimmt. Zeitweise sucht Graics seine Motive im lichtdurchfluteten Frankreich – genauer in der Provence. Malerisch orientiert er sich in seinen Anfängen an den Impressionisten, insbesondere an Monet und Renoir. Schon früh interessiert ihn das Thema Landschaft, aber zunächst aus der Sciht des Spaziergängers. Vereinzelt sucht er auch heute noch einen ebenerdigen Standpunkt zum Malen, doch mit den Luftbildern verquickt sich ein seiner Biographie. Thomas Graics hat sich auf einen wichtigen Scheideweg begeben. Vor knapp 20 Jahren studierte er Elektronik und baute anschließend seine Firma „West Avionics“ auf, die elektronische Geräte für Flugzeuge herstellt. Der alte Wunsch, Kunst zu studieren, ließ ihn aber nicht ruhen. Zunächst autodidaktisch und später in einem Privatstudium nahm er die Malerei wieder auf. Zur Zeit realisiert er eine Zukunft als freischaffender Künstler. In seinen ersten Beruf ist Genauigkeit sehr wichtig, und auf den ersten Blick wirkt sich dies auf die Gemälde aus. Thomas Graics nimmt seine Vorlagen sehr ernst, nähert sich der realistischen Malerei an, lässt aber in unterschiedlichen Graden ein Sfumato einfließen. Der dem Italienischen entlehnte Begriff bedeutet „Verraucht“ und wurde zunächst für die im Dunst verschwimmende Hintergründe in Leonardo da Vincis Bildern verwandt. Spätere Maler verliehen ihren Arbeiten mit einem Sfumato einen sinnlich weichen Klang. Das Sfumato nimmt die Schärfe strenger Formen und steht im Kontrast zur Strenge des Realismus. Die Bilder, die Sie sehen, wollen näher betrachtet werden. Wer dies tut, erkennt feine Unterschiede zwischen Arbeiten, die einen inneren Kampf wiederspiegeln, und denen die rasch, wie aus einem Gus entstanden. Ausgangspunkt aller Bilder ist eine Situation, die den Maler reizt. Dabei will er dem Gegenstand gerecht werden, aber nicht zu deutlich ausgestalten. Teilweise überarbeitet Graics in Schichten, die rasch entstandenen Arbeiten aber lassen zuweilen die Grundierung durchschimmern. Eines seiner Themen sind die Industrieanlagen, zu denen er in der Darstellung eine verhältnismäßig geringe Distanz wahrt. In der arkadengleichen Architektur des Klärwerks sind die Linie akribisch gezogen, ihre Abstände wirken ausgemessen. Und doch wenn Sie genauer hinsehen – werden Sie bemerken, dass manche Partien weich lasierend gehalten sind, in Farbdifferenzierungen eher andeutend als ausformulierend. Graics reizt die harte Architektur und dagegen das scheinbar Verspielte der Container am Rande, die eigene Farbpunkte setzen. Die strengen Linien stoßen auf Formen der Unordnung und Urbanität, die akribische Gestaltung auf scheinbar fließende Farben, die sanfte Veränderung andeuten. In dem gemalten Kraftwerk ist die aus der Luft empfundene Veränderung der Schornsteine z. B. berücksichtigt. Der Vogelperspektive entsprechend, scheint die Architektur dem Betrachter entgegen zu wachsen. Klare Formen und Kuben definieren Teile der Anlage, doch überspannt Graics nicht die Details, sondern lotet aus, in wieweit er sie eher andeutend zusammenfasst. Wer das Bild näher betrachtet, bemerkt das Schweben zwischen zwei Arbeitsgängen. Im oberen und seitlichen Bildbereich ist der Farbauftrag flüssig gehalten, sind die flächen weich nuanciert und summarisch vereinfachend zusammengefasst. Graics konzentriert sich auf sein Motiv, verzichtet aber auf eine radikale Ausformung des Realismus. Er zieht das Wesentliche heraus und lässt das Auge scheinbar flüchtig über die Dinge am Rande gleiten. So spielt er mit der subjektiven Wahrnehmung. Fließen in der Darstellung der Industrieanlagen pedantische Elemente ein, so richtet der Künstler wesentlich großzügiger den Blick auf weit gefasste Ensemble von Himmel und Erde, fasst insgesamt stärker zusammen. Eine Landschaft im quadratischen Format vermittelt die Illusion des Fliegens durch die starke Tiefenwirkung der Komposition und die malerischen Wolkenformation in wechselnder Dichte. Die Landschaft liegt im Schatten. Nuancen von Grün und Blau beherrschen den Farbklang. Der Maler kleidet die Farben weich und diesig ein, verzichtet auf strahlende Töne. Erstaunlicherweise wählt er das unübliche Format von 1 x 1 Meter. Damit verzichtet er auf eine Polarisierung zugunsten des Himmels- oder Erdprospektes, wie sie durch Breit- und Hochformat oftmals vorgegeben werden. In dem Bild von Garzweiler herrschen Farbübergänge von Siena und Ocker vor. Die aus der Luft zu sehende Autobahn ist im Dunkel gelassen, abstrahierend zurückgenommen. Graics lenkt den Blick auf das Nebeneinander der Felder, Straßen und Gemeinden. Es wird bewusst, wie anders die vertrauten Dinge aus der Vogelperspektive erscheinen. Details fügen sich in größere Zusammenhänge, und es ergibt sich ein Überblick, der nur aus der Distanz möglich ist. In diesen Bildern wird der starke Eingriff des Menschen in das hiesige Landschaftsbild bewusst. So auch in den Ackerbildern, die – aus geringer Distanz beleuchtet – wieder mehr Bodenhaftung haben. Farbdifferenzen in den Grüntönen weisen auf die Erhöhungen und Vertiefungen hin, deren Licht- und Schattengebung nur aus erhöhter Warte wahrgenommen werden können. Eine nebulös anmutende Patina liegt über der Trilogie „Spuren“ mit Ausschnitten von Rheinbraun. Doch nicht der Tagebau steht im Mittelpunkt. Wesentlich ist die Farbgebung, reduziert auf Umbra bis Schwarz, Ocker, Siena und ihre Abstufungen mit Weiß. So entsteht der Eindruck von „Farbigen Grautönen“, die unter dem Nebelschleier auch ein wenig Wehmut transportieren. Zurückgenommen auf eine enge Bandbreite ist die Farbpalette des eingangs genannten Bergmassivs. Über den Duktus werden die schroffen Formen erfahrbar. In Komposition und Farbgebung stellt sich der Künstler der Herausforderung, nähe und Ferne zu kontrastieren und das Weiß von kompakten Schneeschichten und diffusen Nebelschleiern zu differenzieren und in der eigenen Wertigkeit herauszustellen. So prallen Statik und Bewegung im Naturschauspiel aufeinander. Graics stellt die Monumentalität seines Motivs heraus und bringt sachte den Zeitfaktor und die Stimmung ein. Immer wieder kommt die Besonderheit des Luftbildes zum Ausdruck. Erinnert sei an die Perspektive des Kraftwerkes, an die Möglichkeit des Überblicks. Vermutlich ist Ihnen schon aufgefallen, dass die Horizontlinien nicht immer gerade verlaufen, sondern entsprechend der visuellen Erfahrung aus dem Flugzeug gekrümmt sind. In Graics Werken zeigt sich der Einfluss des Malers Gerhard Richter, der sich an fotografischen Vorlagen orientiert, eine Vorliebe zur leichten Ungenauigkeit pflegt und die traditionelle Malerei wiederbelebt. Graics orientiert sich an konkreten Motiven und an der gegenständlichen Kunst. Doch selbst bei sachlichen Motiven wie den Industrieanlagen nähert es sich dem Realismus nur an und setzt in Farbauftrag und Farbgebung Stimmungsmomente um. Die Lichtbehandlung beim Düsseldorfer Landtag wird zur Momentaufnahme. Nicht im Sinne der Epoche, sondern des Begriffes vertritt er eine verhaltene Form des Impressionismus, die den hiesigen Lichtverhältnissen entspricht. Darin ist Graics ein Kind seiner Heimat. Mit Dunstschleier fängt er Stimmungen ein, wie er sie als Flieger kennt und in ihrer Faszination vermitteln will. Zugleich erweitert er die Betrachtungsmöglichkeiten, da er den eingrenzenden Linien und Formen an Schärfe nimmt und zum genaueren Hinsehen reizt. |
von Dr. Wilms-Adrian |